Warum du die sozialen und ökologischen Auswirkungen von „Superfood“ kennen solltest

Avocado, Quinoa, Sojabohnen … Der Hunger der westlichen Welt nach sogenanntem „Superfood“ hat soziale und ökologische Auswirkungen in deren Herkunftsländern, derer man sich häufig nicht bewusst ist. Nimm dir ein paar Minuten Zeit, um einen kritischen Blick auf die Kehrseite dieses Trends zu werfen.

Weite Wege, grosser ökologischer Fussabdruck

Vielleicht weisst du bereits, dass einige Produkte auf deiner Einkaufsliste weite Wege hinter sich haben und aufgrund ihres Ferntransports einen grösseren ökologischen Fussabdruck auf dem Planeten hinterlassen. Laut dem World Watch Institute ist das Transportieren von Lebensmitteln eine der am schnellsten wachsenden Ursachen von Treibhausgasemissionen. Jedes Jahr werden 817 Millionen Tonnen Lebensmittel auf der Erde verschifft.

Aber sie sind schmackhaft, exotisch, lassen dich den Hype spüren und gesünder fühlen, obwohl es in den meisten Fällen nur ein Gefühl ist. Vielleicht kannst du versuchen, es mit anderen umweltverträglichen Verhaltensweisen zu kompensieren, z.B. indem du deine Fleischzufuhr senkst, Bio-Lebensmittel einkaufst (wenn du es dir leisten kannst) oder eine Fairtrade-Sorte für deine Morgenkaffee wählst.

Obwohl die langen Transportwege (sogenannte “Food Miles”) definitiv ein Problem sind, stellen die Auswirkungen der Massenproduktion in den Ursprungsländern das grössere Problem dar.

Was es mit dem Superfood-Trend auf sich hat

Bevor es weitergeht, sollten wir zuerst klären, was genau Superfood ist und wie es so populär geworden ist.

In Wahrheit ist „Superfood“ ein Marketingbegriff, der verwendet wird, um Lebensmittel zu fördern, die ausserordentlich reich an Nährstoffen und vergleichsweise kalorienarm sind. Die Definition ist, wie du siehst, sehr allgemein und es ist daher nicht einfach festzumachen, was diese Produkte so super macht.

Aus diesem Grund ist die Vermarktung von Produkten als Superfood in der EU seit 2007 verboten, es sei denn, sie tragen eine speziell genehmigte, gesundheitsbezogene Angabe einer glaubwürdigen, wissenschaftlichen Forschung. Das Europäische Informationszentrum für Lebensmittel stellte ausserdem fest, dass es für Verbraucher unpraktisch ist, einer Diät zu folgen, die nur auf dem vermeintlichen Superfood basiert. Die Nährstoffe können auch leicht aus einer Ernährung mit anderen Lebensmitteln, insbesondere Obst und Gemüse, gewonnen werden. Dennoch entscheiden sich viele Menschen beim Einkauf aus verschiedenen Gründen für die exotischeren Lebensmittel, unter anderem weil es spannend und abwechslungsreich ist, exotische Lebensmittel auf dem Tisch zu haben.

Wie Superfood die Herkunftsländer beeinflusst

Reiche Länder haben diese angeblichen Wunderprodukte aus weniger entwickelten Regionen, weit weg von zu Hause, entdeckt. Diese Lebensmittel sind aber oft ein wichtiger Bestandteil der Ernährung der einheimischen Bevölkerung.

Die Effekte des „Quinoa-Fiebers“

In einigen Fällen sind die Preise instabil, hervorgerufen durch den plötzlichen Anstieg der Nachfrage in Verbindung mit der Entstehung neuer Produzenten. Die Bevölkerung kann sich nicht anpassen, wie es am Beispiel von Quinoa in Bolivien und Peru gut zu sehen war. Als das Quinoa-Fieber einsetzte, explodierte der Preis aufgrund einer übermässig hohen Nachfrage, was wiederum zu Engpässen und einer Wertsteigerung geführt hatte. Obwohl der steigende Preis für südamerikanische Quinoa-Bauern vorteilhaft zu sein scheint, da sich ihr Einkommen erhöht und Quinoa immer teurer wird, können die traditionellen Konsumenten von Quinoa nicht mehr mithalten. Sogar die Bauern ziehen es vor, das nahrhafte Lebensmittel zu verkaufen, statt es selbst zu essen. Die Ersatzlebensmittel sind häufig billigere, westliche Alternativen, die nicht so gesund sind. Das hat Bedenken hervorgerufen, hinsichtlich potenzieller Nährstoffdefizite und unausgewogener Diäten in den betroffenen Regionen.

Durch die grosse Nachfrage an Quinoa sind auch Umweltprobleme entstanden, da, um eine grössere Produktionsmenge zu erreichen, mehr Ressourcen benötigt werden. Der zunehmende Einsatz von Maschinen gefährdet die Fruchtbarkeit des Bodens. Zudem ist die Wassermenge, die Quinoa braucht, um zu gedeihen, nicht nachhaltig. Da Landwirte versuchen, den aktuellen Quinoa-Trend auszunutzen, bedrohen sie dabei unbewusst die Langlebigkeit ihres Geschäfts und ihrer Einnahmequelle.

Das passiert auch in anderen Ländern, in denen die Überproduktion von Produkten wie Açai-Beeren oder Mandeln zu Bodenerosion, Wassermangel und Bodendegradation führt.

Entwaldung für den Anbau von Sojabohnen

Ein weiteres, deutliches Beispiel, wie die Umwelt leidet, sind die Sojabohnen, die im brasilianischen Amazonas-Gebiet angebaut werden und teilweise für dessen Abholzung verantwortlich sind. Vor mehr als einem Jahrzehnt fand die zweithöchste jemals verzeichnete Zerstörung des Amazonas statt – aufgrund der steigenden Nachfrage an Land zum Anbau von Soja. Es wurde festgestellt, dass bis dahin 30 % des Soja-Anbaus durch Entwaldung erfolgte. Erfreulicherweise wurde 2006 nach der Veröffentlichung eines Greenpeace-Berichts, der die Verbindung zwischen der Entwaldung im Amazonasgebiet und der Sojapflanze aufgedeckt hat, eine einflussreiche Vereinbarung – ein so genanntes Soja-Moratorium – zwischen der brasilianischen Regierung, der Sojaindustrie und zivilgesellschaftlichen Organisationen aufgestellt. Mit diesem Moratorium werden Unternehmen davon abgehalten, Soja von Landwirten zu kaufen, die den Regenwald beseitigen, Sklavenarbeit betreiben oder indigene Länder bedrohen. Danach wurde der Soja-Anbau auf Kosten des Waldes auf nur etwa 1 % reduziert.

Andere Probleme im Zusammenhang mit Superfoods

Es gibt noch weitere Aspekte, die beim Kauf von Superfoods bedacht werden sollten. Beispielsweie gibt es Verbindungen zwischen Waffenhandel und dem Transport von Lebensmitteln, wie im Fall des Nilbarschs, über den im Dokumentarfilm „Darwins Alptraum“ berichtet wird. Der Film diskutiert die Auswirkungen der Einführung des Nilbarschs im Viktoriaseesee in Afrika und wie er das Ökosystem und die Wirtschaft der Region negativ beeinflusst hat. Aber es zeigt auch den Zwiespalt zwischen der europäischen Hilfe für Afrika und dem Schmuggel von Waffen und Munition von europäischen Händlern, die mit denselben Flugzeugen transportiert werden, die den Nilbarsch auf dem Rückweg nach Afrika befördern. Damit werden die Konflikte angeheizt, die mit der Hilfe eigentlich gelöst werden sollen.

Darüber hinaus sind Fälle über die Finanzierung des Drogenhandels mit Lebensmitteln, z.B. mit Avocado, bekannt, die eine wichtige Einnahmequelle für mexikanische Drogenbanden wurde. Menschen aus Michoacán, dem einzigen Ort auf Erden, an dem die Früchte das ganze Jahr über angebaut werden können, haben die Avocado früher „grünes Gold“ genannt. Doch dann wurden daraus die „Blutavocados“, als das lokale Drogenkartell angefangen hatte, eine Gebühr pro Box mit den Früchten einzusammeln und angeblich einige Menschen tötete, die nicht in der Lage oder nicht bereit waren, das Lösegeld zu zahlen.

Wie können wir den Konsum moralisch vertretbarer machen?

Ist es möglich, ausreichend Nährstoffe aufzunehmen, ohne diese Neuheiten aus tausenden von Kilometern Entfernung zu konsumieren? Wenn Lebensmittel aus aus biologischem Anbau stammen, können einige lokale Lebensmittel genauso nährstoffreich sein wie die exotischen Früchte.

Anstatt dein Geld für ausländische Avocados auszugeben, solltest du Bananen für die Kaliumzufuhr und Erdbeeren oder Orangen für Vitamin C essen, je nachdem, wo du lebst. Du kannst auch einige Nüsse oder Samen essen, um die benötigten einfach ungesättigten Fette auszugleichen. Damit hast du eine geringere CO2-Bilanz und ernährst dich genauso gesund. Noch wichtiger ist, dass du dich nicht schuldig zu fühlen brauchst, die Benachteiligung der Menschen zu unterstützen, aus deren Ländern diese Produkte stammen.

Frische und biologische Vollwertkost hat nützliche Nährstoffe, die sich gegenseitig ergänzen. Deshalb ist es wichtig, sich abwechslungsreich und ausgewogen zu ernähren. Im Idealfall sollten die Produkte lokal angebaut werden, um sicherzustellen, dass sie maximal viele Nährstoffe enthalten, denn je länger es her ist, dass sie geerntet wurden, desto weniger Nährstoffe bleiben übrig.

Das bedeutet nicht, dass du nicht gelegentlich eine Avocado essen kannst, aber wenn du dir Sorgen um moralisch vertretbaren Konsum machst und deinen Teil dazu beitragen möchtest, einige der genannten Probleme zu lösen, solltest du zumindest versuchen, die Aufnahme dieser exotischen Lebensmittel möglichst einzuschränken und stattdessen saisonales Obst und Gemüse zu essen.

Du kannst auch Apps wie Buycott verwenden, mit denen du herausfinden kannst, woher die Produkte stammen, wer letztlich die Ressourcen besitzt, wer die Interessenvertreter sind und welche moralischen Probleme es in Bezug auf diese Produkte gibt.

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Weiterführende Links zum Thema

ethicalconsumption.org: What does ethical consumption mean?

Wikipedia: Ethical consumerism

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